

Die radikal freie und ungebändigte Lebendigkeit der Musik ist von zentraler Bedeutung für das Verständnis des singenden Atems und der glühenden, kompromisslosen Natur von Tatjana Masurenkos Kunst. Die poetischen Interpretationen der Bratschistin entstehen aus einer schonungslosen, bis ins letzte Detail gehenden Durchdringung der Werke ihres Repertoires und entfalten sich im Konzert in unmittelbar einnehmender Intensität. Mit ihrer fesselnden Bühnenpräsenz, kühnen Kreativität und einer Fantasie, die stets aus tiefer Klarheit erwächst, zählt Tatjana Masurenko zu den führenden Bratschistinnen unserer Zeit und hat die Wahrnehmung der Viola als Soloinstrument nachhaltig geprägt. Ihr Repertoire umfasst das klassische Konzertrepertoire ebenso wie neue und selten gespielte Werke, die sie aus ihrer unverwechselbar atmenden klanglichen Präsenz und einer zutiefst eigenen, zugleich tief in reicher musikalischer Tradition verwurzelten Herangehensweise interpretiert.
Ein zentrales Element von Tatjana Masurenkos künstlerischem Denken ist der lebendige Austausch zwischen unterschiedlichen musikalischen Kulturen. Seit vielen Jahren arbeitet sie eng mit Musikern und Komponisten aus verschiedenen Regionen zusammen und beschäftigt sich intensiv mit traditionellen musikalischen Sprachen, insbesondere aus der Türkei, Griechenland und Zentralasien. Diese Begegnungen sind für sie ein selbstverständlicher Teil musikalischer Praxis: ein ernsthaftes Einlassen auf die jeweilige Tradition, ihr Klangdenken und ihre Geschichte, aus dem sich neue künstlerische Perspektiven entwickeln. Eine tragende Rolle spielt dabei die Viola d’amore, die als historisches Instrument mit ihrer mystischen Gesanglichkeit einen offenen Resonanzraum zwischen verschiedenen Welten eröffnet. Auf ihr verbindet Tatjana Masurenko historische Aufführungspraxis mit zeitgenössischem Denken und initiiert neue Werke, die aus traditionellen Wurzeln hervorgehen und diese in einem neuen Licht zum Klingen bringen.
Aufgewachsen in einer Familie russischer Akademiker und Jazzmusiker mit einem kulturell vielfältigen Erbe, war sie schon früh von einem künstlerisch lebendigen Umfeld umgeben. Geboren in Duschanbe, Tadschikistan, verbrachte sie dort ihre Kindheit, bevor sie im Alter von elf Jahren nach St. Petersburg zog, wo sie ihren musikalischen Weg fortsetzte und eine prägende künstlerische Ausbildung der St. Petersburger Schule erhielt. Später führte sie ihr Studium in Deutschland bei Kim Kashkashian und Nobuko Imai fort. Auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen, neuen Techniken und klanglichen Ideen haben sie vor allem die Freundschaften mit Boris Pergamenschikow, György Kurtág, Brigitte Fassbaender und Herbert Blomstedt nachhaltig geprägt und begleitet.
Als Solistin konzertiert Tatjana Masurenko mit renommierten Orchestern wie dem Gewandhausorchester Leipzig, dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin und der NDR Radiophilharmonie sowie mit weiteren führenden Klangkörpern in Europa und Asien. Seit Jahrzehnten ist sie ein geschätzter Gast bedeutender internationaler Festivals, sowohl als Solistin als auch als Kammermusikerin.
Die Weiterentwicklung der Viola als Soloinstrument ist ein wesentlicher Bestandteil von Tatjana Masurenkos künstlerischem Wirken. In diesem Zusammenhang steht auch ihr kontinuierliches Engagement für die zeitgenössische Musik. Sie hat zahlreiche neue Werke zur Uraufführung gebracht, von denen viele ihr gewidmet sind und auf ihre Initiative zurückgehen. Durch ihre enge Zusammenarbeit und langjährigen künstlerischen Dialoge mit Komponisten sind Kompositionen entstanden, die neue klangliche, technische und expressive Möglichkeiten der Viola erschließen. Zu diesen zählen Werke von Gladys Krenek, Moritz von Gagern, Dimitri Terzakis, Wolfgang Rihm, Hans-Christian Bartel, Luca Lombardi und Nejat Başeğmezler.
Tatjana Masurenkos Diskographie spiegelt die inhaltliche Konsequenz und künstlerische Tiefe ihres Schaffens wider. Einen zentralen Bezugspunkt bildet die dreiteilige Aufnahme „White Nights – Music from St. Petersburg“, eingespielt mit der Pianistin Roglit Ishay, die zu den bedeutendsten Einspielungen dieses Repertoires zählt. 2017 erschien die CD „Nur ein Bewegen der Lüfte“ mit Werken von Ernst Krenek und Robert Schumann. In dieser Aufnahme verbindet sich ihre Nähe zur Musik Ernst Kreneks, dessen Werke für Viola solo sie vollständig aufgenommen hat, mit ihrer fundierten Auseinandersetzung mit der historischen Aufführungspraxis, insbesondere der Spielweise des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Tatjana Masurenko unterstützt zudem das Ernst Krenek Institut in Krems (Österreich). Mehrere ihrer Einspielungen wurden international ausgezeichnet, darunter das Konzert von K. A. Hartmann sowie British Viola Concertos mit Werken von Walton, Beamish und Britten, die mit dem Preis der deutschen Schallplattenkritik sowie mit dem Supersonic Award (Luxemburg) und dem Diapason découverte (Frankreich) ausgezeichnet wurden.
Einen eigenständigen Akzent setzt die 2023 erschienene CD „Dances of Light“, eingespielt mit dem Yaruss Quartett. In dieser außergewöhnlichen Zusammenarbeit verbinden sich Solo-Viola und traditionelle Volksinstrumente zu neuen Arrangements beliebter Werke der russischen Romantik sowie zu eigens für diese Formation entstandenen zeitgenössischen Kompositionen. Musiker aus verschiedenen ehemaligen Sowjetrepubliken bringen dabei ihre jeweiligen kulturellen Hintergründe ein und hüllen dieses reiche musikalische Erbe in ein neues, zeitgenössisches Gewand.
Tatjana Masurenko engagiert sich mit großer Hingabe für die Förderung des musikalischen Nachwuchses. Seit Juni 2022 ist sie Professorin für Viola und Kammermusik (Richard Colburn Chair for Viola and Chamber Music) am Colburn Conservatory of Music, Los Angeles, wo sie derzeit unterrichtet. Zuvor war sie von 2002 bis 2022 Professorin für Viola an der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ Leipzig und unterrichtete seit 2019 in gleicher Position an der Haute École de Musique de Lausanne in Sion (Schweiz). Sie gibt regelmäßig internationale Meisterkurse, u. a. in Europa, Nordamerika und Asien, und ist künstlerische Leiterin des International Viola Camp in Iznik (Türkei) sowie einer internationalen Meisterkursreihe in Leipzig.
Viele ihrer Studierenden haben erfolgreiche internationale Karrieren eingeschlagen: als Solisten, Professoren, Solobratschisten großer Orchester und als Kammermusiker.
Ihre Unterrichtsweise beruht auf der St. Petersburger Tradition des 19. und frühen 20. Jahrhunderts und verschmilzt mit den neuen Ideen und Empfindungen des 20./21. Jahrhunderts, vor allem in der Interpretation von Barock und Klassik.
Tatjana Masurenko spielt eine Bratsche von P. Testore (Mailand, 1756) und verwendet Bögen, die der stilistischen Richtung entsprechend ausgewählt werden.